Am 18. Juni 2026 verstarb im hohen Alter von 94 Jahren der Dülmener Zahnarzt Dr. Georg Sachse. Er kann als der letzte direkte Zeuge der Dülmener Judendeportation bezeichnet werden. Sein Leben lang lebte Sachse an der Coesfelder Straße in Dülmen, zunächst in seinem Elternhaus (Coesfelder Str. 51), später genau gegenüber (Coesfelder Str. 54). Vor seinem Elternhaus musste Georg Sachse mit neuneinhalb Jahren beobachten, wie aus dem Nachbarhaus die hochbetagten Eheleute Hugo und Sara Pins abgeholt wurden – am helllichten Tag.  Die Eheleute waren die letzten beiden in Dülmen verbliebenen Juden, nachdem alle anderen Glaubensgenossen längst ausgewandert oder erst kurz zuvor deportiert worden waren. Hugo und Sara Pins werden kaum ernsthaft angenommen haben, dass das Schicksal der Deportation sie vergessen haben könnte. Andrerseits mag der Umstand, dass die Stadt Dülmen erst im März 1942 den Eheleuten Pins ihr Haus (Coesfelder Straße 43) für 17.600 Reichsmark „abkaufte“, den äußeren Anschein der Korrektheit und damit ein beruhigendes Gefühl von Normalität vermittelt haben. Doch schon einen Monat später, nämlich am 13. April 1942, war es dann so weit: An diesem Tag mussten sich auch die beiden letzten Dülmener Juden mit dem vorgeschriebenen Handgepäck und reisefertig aus dem Haus führen lassen, um nach Münster verbracht und von dort aus in Richtung Osten abtransportiert zu werden. Der offiziellen „Beruhigung“, sie würden zum „Arbeitseinsatz“ in den Osten gebracht, konnten die beiden alten Leute natürlich nicht glauben. Und so werden die beiden Hochbetagten bereits in Todesängsten gelebt haben, als nun auch sie abgeholt wurden. Tatsächlich sei die ganze Szene „mit großem Geschrei“ verbunden gewesen, so hat es die damals fast sechsjährige Antonia Roling (verheiratete Müller, verstorben 2022) in einem weiteren Nachbarhaus hören können. Dagegen wurde Georg Sachse in diesem Moment unmittelbar Augenzeuge des dramatischen Geschehens, als Polizisten am späten Nachmittag mit brachialer Gewalt die beiden alten Leute aus dem Haus zu einem Fahrzeug zerrten. „Die beiden wehrten sich buchstäblich mit Händen und Füßen“, erinnert sich Dr. Georg Sachse (Jahrgang 1932). „Es war grauenhaft, wie sie ganz verzweifelt schrien.“ So etwas hatte der knapp Zehnjährige noch nie gesehen, und auch später nicht mehr. „Ich erinnere mich höchst ungern an diesen Augenblick“, gestand Sachse im Rückblick.

Fotos: Dietmar Rabich